„Was genau ist eigentlich ein Stern?“

Eine Getränkedose als Mini-Satellit, Kinder als Klimadetektive oder ein Trainingscamp für Astronaut*innen: ESERO Österreich nutzt die Faszination des Themas Weltraum, um junge Menschen an naturwissenschaftliche Themen heranzuführen.

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ESERO (European Space Education Resource Office) ist ein Projekt der Europäischen Weltraumagentur ESA und Bildungspartnern in verschiedenen europäischen Ländern zur Förderung des Interesses der Jugend an naturwissenschaftlichen Fragestellungen (MINT-Fächer in der Grund- und Sekundarschulbildung). ESERO Österreich ist im Auftrag von ESA und FFG/bmk seit 2016 im Ars Electronica Center Linz aktiv.

Hauptzielgruppe sind dabei Lehrer*innen, für die eine Reihe von Unterrichtsmaterialien wie auch Fortbildungen angeboten werden. Außerdem sollen sie dazu motiviert werden, gemeinsam mit ihren Schüler*innen an nationalen und internationalen Wettbewerben teilzunehmen, die das Thema Weltraum und Naturwissenschaften auf spielerische Weise und im freundlichen Wettstreit untereinander erfahrbar machen.

Momentan ist aber nicht nur die Situation in den Schulen aufgrund der Coronavirus-Pandemie schwierig. Bettina Anderl, Managerin von ESERO Österreich, hat das Projekt in diesem besonderen Jahr 2020 neu übernommen. Im Interview erzählt sie und, inwiefern auch außerschulische Bildungsangebote von den Schwerigkeiten in den Schulen betroffen sind uns, welche Möglichkeiten es aber trotzdem gibt, gerade jetzt Schüler*innen und Lehrer*innen für den Weltraum zu begeistern.

Du hast vor einiger Zeit die Leitung von ESERO Österreich übernommen. Daher wollte ich von dir zuerst einmal wissen: Was hat sich seitdem ereignet und was steht jetzt bis Ende des Jahres noch an?

Bettina Anderl: Es ist im Moment auch für uns sehr schwierig. Also, wir haben zum Beispiel was unsere Lehrer*innen-Fortbildungen betrifft, sehr viel umgestellt auf Online-Fortbildungen. Und wir konnten in Vorarlberg mit Lehrer*innen-Fortbildungen starten. Das ist super, weil es ein Ziel von uns ist, in allen Bundesländern vertreten zu sein. Vorarlberg war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Was wir außerdem gerade gemacht haben, ist, die Homepage umzugestalten und neue Elemente hinzuzufügen. Wir wollen mehr online anbieten und mehr Materialien zur Verfügung stellen sowie Firmen miteinbeziehen, die dann auch Workshops anbieten. Das gehört im Moment alles noch aufgebaut. Und ja, es ist bis jetzt auch viel Einarbeitung dabeigewesen, da es ein ganz neues Aufgabengebiet ist. Auch die anstehenden Wettbewerbe sind aufgrund der Pandemie eine Herausforderung, weil sehr wenig Schüler*innen beziehungsweise Lehrer*innen teilnehmen wollen.

Kannst du uns bitte einmal die laufenden Bewerbe beschreiben?

Bettina Anderl: Wir haben mehrere Bewerbe. Der erste, Mission X, den gibt’s eigentlich schon am längsten, heuer ist das 11. Jahr. Der Bewerb ist für Volksschulen, also für die 3. und 4. Klasse Volksschule. Der Untertitel ist „Train like an Astronaut“, dementsprechend geht es darum, wie ein Astronaut zu trainieren, Bewegung zu machen, auf die Ernährung schauen und natürlich auch naturwissenschaftliche Experimente durchzuführen. Das ist ein ziemlich cooler Wettbewerb, bei dem immer viele Schüler*innen mitmachen, auch heuer. Vorteil ist, dass in den Volksschulen größtmögliche Normalität herrscht und der Bewerb auch in der Klasse und teilweise zuhause durchgeführt werden kann. Das wird also sehr gut angenommen, selbst in diesen herausfordernden Zeiten.

Dann gibt es noch die Climate-Detectives. Das ist ein Wettbewerb, wo es darum geht, dass man ein lokales Umweltproblem lokalisiert bzw. eine damit in Zusammenhang stehende Fragestellung. Dann versucht man es mit eigenen Messdaten oder mit Daten von den ESA-Satelliten zu analysieren und eine Lösung zu finden. Diesen Wettbewerb gibt es noch nicht so lange, heuer das dritte Jahr. Das ist generell schwierig momentan, weil es ein Wettbewerb ist, bei dem die Schüler*innen in Gruppen arbeiten sollen. Wenn, dann musst du in einer Klasse sein, damit sich die Schüler*innen nicht mischen usw.

Satellite Images, photo: Ars Electronica /Robert Bauernhansl

Passen sich die Wettbewerbe der momentan schwierigen Situation an?

Bettina Anderl: Ja, soweit es geht auf jeden Fall. Bei den Climate Detectives zum Beispiel war es früher so, dass ein Team aus fünf Leuten bestehen musste. Jetzt kann man sich auch bereits als Paar anmelden. Also so weit es möglich ist auf jeden Fall, vieles, das möglich ist, wird auch auf online umgestellt.

Bei den Climate Detectives gibt es sehr viel, das die Schüler*innen für sich ausarbeiten können und die Ergebnisse dann vorstellen, dafür muss man sich auch nicht treffen. Climate Detectives adressiert Kinder von 8 bis 15 Jahren.

Insgesamt gibt es fünf Wettbewerbe, drei davon werden von Österreich organisiert. Die beiden genannten, Mission X und Climate Detectives, und außerdem CanSat. CanSat ist ein Bewerb ab 14 Jahren, also Sekundarstufe II, wo es darum geht, dass die Teilnehmer*innen einen Satelliten in der Größe einer Getränkedose bauen . Mit dem werden Messungen durchgeführt, wovon einige verpflichtend sind, andere frei wählbar. Diese werden dann ausgewertet. Der Satellit wird dann auf 400 bis 600 Meter mit einer Rakete nach oben geschossen. Im Fall werden dann Messungen durchgeführt.

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Die Schwierigkeit für heuer besteht darin, dass das natürlich nicht online geht, bzw. ist es nicht Sinn der Sache. Die Vorarbeiten, der Bau und die Entwicklung passieren sowieso in den Teams bzw. an den Schulen. Der Rakentenstart selbst am Flughafen Suben wurde aber letztes Jahr aufgrund des Lockdowns abgesagt. Wenn es irgendwie geht, soll das aber im April 2021 durchgeführt werden. Der Vorteil ist, dass es im Freien ist, also mit den üblichen Abstandsregeln würde das funktionieren. Scheitern könnte es aber an mangelnden Anmeldungen. Letztes Schuljahr haben wir sehr viele Absagen bekommen, weil viele Schulen, viele Lehrer*innen gesagt haben, dass sie viel Stoff nach hinten schieben mussten und nicht genug Zeit für Vertiefung hatten, also sie generell schon hinter dem Lehrplan sind – da geht sich ein Wettbewerb dann zusätzlich nicht aus. Das ist die Schwierigkeit im Moment.

Dann gibt es es noch zwei weitere Bewerbe, die direkt von der ESA ausgehen: Das Mooncamp und Astro Pi. Das Mooncamp ist ab sechs Jahren, wobei es verschiedene Schwierigkeitsgrade gibt. Für die Älteren ist es schwieriger, da geht es darum, 3D-Modelle von einer Mondbasis zu erstellen, je nach Schwierigkeitsgrad sind daran bestimmte Bedingungen geknüpft. Für die älteren ist es vorgeschrieben, dass man es mit einem schwierigeren Programm machen muss und dass bestimmte Bedingungen erfüllt werden z.b. wie ist die Stromversorgung, wo ist das Labor, wie kann man die Nahrung züchten, dass diese Punkte alle berücksichtigt werden. Das ist etwas, das komplett online funktioniert und wäre super für Schulen im Distance Learning geeignet.

Das Letzte ist die Astro Pi Challenge. Hier gibt es zwei Altersgruppen ab acht Jahren und bis 19. Astro Pi, das ist ein kleiner Computer, ein Raspberry Pi. Davon sind zwei Stück auf der internationalen Raumstation. Die älteren Teilnehmer*innen müssen sich ein Experiment überlegen, das dann auf der ISS durchgeführt wird mit diesen Raspberry Pies. Die Idee muss zuerst eingebracht werden, die besten Ideen werden schließlich durchgeführt. Für diesen Bewerb ist heuer die Bewerbungsfrist schon vorbei. Die kleineren schreiben eine Nachricht an die Astronauten und schreiben ein kleines Programm, dass die Temperatur auf der ISS und Vorort misst und vergleicht. Das ist als einfacher, leichter Einstieg ins Programmieren gedacht, da kann man noch bis Jänner mitmachen.

ESA astronaut Luca Parmitano with Ed and Izzy pillars, credit: ESA

Für mich klingt das allerdings so, als wäre sehr viel auch online möglich?

Bettina Anderl: Das Problem, so sehe ich das, ist nicht so sehr, ob es möglich wäre, sondern eher, dass viele sagen, es ist gerade eine außergewöhnlichen Situation und wir fokussieren uns lieber auf den Unterricht. Das ist das Hauptproblem.

ESERO bietet aber auch Lehrer*innenfortbildungen an?

Bettina Anderl: Wir bieten verschiedene Kurse an, fast alle sind online durchführbar und werden auch online durchgeführt. Das ist natürlich eine gute Lösung zur Zeit, aber die Vernetzung, die bei Fortbildungen auch ein wesentlicher Punkt ist, kommt dabei natürlich zu kurz. Es ist momentan die beste Lösung.

Astronomy in Deep Space 8K, photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Es gibt auch ein paar Dinge in Planung, kannst du uns darüber vielleicht noch mehr erzählen?

Bettina Anderl: Ja, wir wollen die Zeit auf jeden Fall nutzen, um mehr Materialien online zu stellen. Momentan ist es so, dass die Lehrer*innenfortbildungen mit Material verknüpft werden, aber es gibt noch viel mehr Material, zum Beispiel von anderen ESEROs oder von anderen Quellen. Da haben wir zurzeit sehr wenig im Angebot, das wird aber kommen. Nachdem wir alles übersetzt und aufbereitet haben, können wir mehr anbieten, auch Sachen, die online mit Schüler*innen durchgeführt werden können. Übersetzung deswegen, weil wir alle Materialien mindestens auf Deutsch, manche parallel dazu auch auf Englisch anbieten wollen.

Die Unterrichtsmaterialien sind für den österreichischen Lehrplan für die unterschiedlichen Schulen und Schultypen angepasst. Sie werden auf Deutsch übersetzt, weil die Unterrichtssprache Deutsch ist. Wenn man etwas auf Englisch machen will, gibt es andere Quellen zusätzlich.

Nachdem ich zwölf Jahre als Lehrerin gearbeitet habe, weiß ich: Wenn ich etwas suche, das ich verwenden könnte, dann muss das einfach einsetzbar sein. Es muss praktikabel sein und dem Lehrplan entsprechen, nur, wenn es so einfach wie möglich ist, wird es auch verwendet.

Die Herausforderung an dem Ganzen für uns ist, dass die Fortbildungen oder auch die Materialien, von möglichst vielen Lehrer*innen verwendet werden sollen. Wenn es darum geht, in der Volksschule über Astronomie zu sprechen, ist es so, dass sehr viele Lehrer*innen noch nie eine Ausbildung oder einen Kurs dazu gemacht haben. Das ist sehr schade. Sicher gibt es immer ein paar extrem Interessierte, die sich privat einlesen, das als Hobby haben usw. Die finden immer Materialien, aber das wichtigste wäre, dass eine Einführung in die Astronomie flächendeckend alle Volksschullehrer*innen einmal gemacht haben, um gewappnet zu sein, wenn zum Beispiel die Frage von den Kindern kommt: Was genau ist eigentlich ein Stern? Derzeit ist das leider noch nicht so.

Bettina Anderl leitet seitet diesem Jahr ESERO Österreich. Davor hat sie zwölf Jahre lang im Gymnasium, an der HAK und an der HTL unterrichtet bevor sie zur Ars Electronica kam. Sie hat Astronomie an der Universität Wien studiert sowie Mathematik und Physik auf Lehramt. ESERO sieht sie als neue Herausforderung und als Möglichkeit, ihre Leidenschaft für den Weltraum auch beruflich einzubringen.