BlindMaps: Stadt-Navigation für sehbehinderte Menschen

Im Interview verrät uns Markus Schmeiduch, Gewinner der Kategorie [the next idea] voestalpine Art and Technology Grant des Prix Ars Electronica 2014, wie es zu dem Projekt BlindMaps gekommen ist und warum die Einreichung beim Prix Ars Electronica aus seiner Sicht der nächste logische Schritt für das Projekt war.

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Wie bereits angekündigt  stellen wir hier am Ars Electronica Blog in nächster Zeit immer wieder Gewinner-Projekte des Prix Ars Electronica 2014 vor. Wir beginnen diese Reihe mit der Kategorie [the next idea] voestalpine Art and Technology Grant und gratulieren Markus Schmeiduch, Andrew Spitz und Ruben van der Vleuten. Mit ihrem Forschungs-Projekt BlindMaps gelang es ihnen die Jury zu überzeugen und sich gegen 127 andere Einreichnungen in dieser Kategorie durchzusetzen.

Das Projekt BlindMaps beschäftigt sich mit der schwierigen Aufgabe eine Navigation für blinde und sehbehinderte Menschen zu entwickeln. Selbst für sehende Personen kann die Navigation durch unbekannte Städte schwierig sein, doch für blinde und sehbehinderte Menschen ist diese Herausforderung  noch viel, viel größer.

Es gibt in der heutigen Zeit zwar bereits zahlreiche Navigationssysteme, doch diese basieren meist auf visuellen Displays und können daher von blinden Menschen nicht genutzt werden.BlindMaps verwendet deshalb eine tastensensitive haptische Technologie bei der sehbehinderte Menschen durch Spracheingabe Routen suchen können. Das Interface verfügt über einen perforierten, an Brailleschrift-erinnernden Screen mit kleinen herausragenden Knöpfen, die durch ihre Veränderung oder Bewegung eine Navigation in Echtzeit ermöglichen. Eine Wegbeschreibung durch Sprachanleitung wird vermieden, da diese zur Orientierung wichtige Umgebungsgeräusche stören könnte.

Geplant ist BlindMaps als ein crowdgesourctes, navigationsbasiertes Service. Sollte auf der geplanten Route ein Problem auftreten, können NutzerInnen dieses über einen Knopfdruck melden, um anschließend vom System auf eine alternative Route geleitet zu werden. Je mehr sehbehinderte Menschen die jeweilige Route benutzen, desto präziser wird eine Orientierung  möglich.

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Durch den Gewinn beim Prix Ars Electronica 2014 in der Kategorie [the next idea] voestalpine Art and Technology Grant besteht nun für die Gewinner die Möglichkeit gemeinsam mit dem Ars Electronica Futurelab das Projekt weiter voranzutreiben. Außerdem erhalten sie ein Stipendium in der Höhe von EUR 7.500,-, welches von voestalpine ermöglicht wird.

Bevor Markus Schmeiduch mit dem Artist-in-Residence-Programm im Ars Electronica Futurelab beginnt, haben wir uns mit ihm getroffen und über dieses großartige Projekt gesprochen. Er hat uns berichtet wie es überhaupt zu diesem Projekt gekommen ist, warum die Einreichung beim Prix Ars Electronica aus seiner Sicht der nächste logische Schritt für das Projekt war und was er sich von der Zusammenarbeit mit dem Ars ELectronica Futurelab erwartet.

Das Projekt BlindMaps ist ein sehr innovatives, zukunftsorientiertes Projekt. Wie seid ihr auf diese tolle Idee gekommen?

Markus Schmeiduch: Das ist eine interessante Geschichte. Ich bin ursprünglich aus Natternbach in Oberösterreich und besuche, seit ich 16 Jahre alt bin, regelmäßig das Ars Electronica Festival. Dadurch habe ich eine gewisse Faszination für Technologie und Design entwickelt, was ein Grund dafür war, dass ich zunächst Multimedia Art in Wien studiert habe.

Den ersten Kontakt zu blinden bzw. sehbehinderten Menschen hatte ich mit 18 Jahren, als ich im oberösterreichischen Gallspach in einem Hotel gearbeitet habe, das sich auf blinde Gäste spezialisiert hat. Ich war dort als Gästebetreuer zuständig und habe verschiedene Tagesausflüge, etwa nach Linz, Salzburg, zum Stift Melk oder an die Donauschlinge mitgemacht.

Das war sehr spannend und eine neue Erfahrung für mich, vor allem weil ich vor die Herausforderung gestellt war, blinde Personen durch die Stadt zu navigieren. Ich habe fast ein Jahr in Gallspach gearbeitet, bevor mein Studium in Wien losging, aber auch während der Sommerferien habe ich immer wieder in diesem Hotel ausgeholfen. Das war sozusagen der Einstieg in die Materie. Dort habe ich zum ersten Mal mitbekommen, was es bedeutet blind zu sein und vor welche Herausforderung blinde Personen gestellt sind, wenn sie sich in nicht bekannten urbanen Raum bewegen müssen.

2012 bin ich dann für das Masterstudium Interaction Design nach Kopenhagen gegangen. Dort haben wir uns im Rahmen eines Workshops gefragt, wie Technologie bzw. die Interaktion zwischen Mensch und Computer bei der Bewältigung alltäglicher Dinge helfen kann. Das war eine relativ offene Aufgabenstellung und Andrew, Ruben und ich sind als Team wieder auf das Thema Blindheit und die damit verbunden Herausfordugen zu reden gekommen. Die Idee zu BlindMaps entstand dann relativ schnell durch unseren Brainstorm-Prozess.

An dem Projekt sind auch noch Andrew Spitz und Ruben van der Vleuten beteiligt. Wer ist wofür im Projekt zuständig?

Markus Schmeiduch: Andrew und Ruben haben gemeinsam mit mir in Kopenhagen studiert und die erste Phase des Projekts war auch eine Aufgabe im Rahmen des Studiums. Dabei ging es darum ein Konzept zu innerhalb 36 Stunden zu erstellen und dieses zu visualisieren.

Andrew hat die Idee aufgeworfen, ein connected Device als Basis für Mobilität zu haben und hat vor allem am Konzept und Video gearbeitet. Als Industrial Designer hatte Ruben zuvor schon viel im medizinischen Bereich gearbeitet und Apparaturen, insbesondere für Operationen, gestaltet. Das heißt, er hatte schon viel Erfahrung rund um Technologie und Hardware. Für unser Projekt hat er dann das Braille-Interface in der Software programmiert. Durch meine Erfahrungen mit blinden und sehbehinderten Menschen habe ich die praktischen Erfahrungen miteingebracht und wir drei zusammen haben dann in einigen Nachtschichten das Interface-Konzept erstellt und das Video produziert, um die Idee zu visualisieren.

Markus Schmeiduch

Wie ging die Geschichte des Projekts weiter?

Markus Schmeiduch: Nachdem wir die Aufgabenstellung an der Uni abgeschlossen hatten,  veröffentlichten wir das Video und sind auch gleich auf verschiedenen Blogs gefeatured worden. Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen. Viele haben uns geschrieben, dass entweder sie blind sind oder jemanden kennen der blind ist und es toll wäre, wenn unser Projekt wirklich umgesetzt werden würde. Da haben wir zum ersten Mal gemerkt,  dass in diesem Bereich wirklich Bedarf da wäre.

2013 habe ich dann das Projekt für die Creative Region in Oberösterreich eingereicht und das Cross Innovation EU-Förderprogramm gemacht. Dadurch konnte ich in Berlin und Amsterdam an dem Projekt weiterarbeiten. In Berlin habe ich mich damals sehr oft mit blinden und sehbehinderten Menschen getroffen und mit ihnen über das Projekt gesprochen. Gemeinsam haben wir überlegt, wie BlindMaps funktionieren könnte. In Amsterdam, wo Ruben und Andrew mittlerweile wohnen, haben wir dann den ersten Prototypen gebaut, den wir mittels 3D-Drucker gefertigt haben. Mit diesem Prototyp bin ich dann wieder nach Berlin gefahren und hab ihn dort zusammen mit blinden Personen getestet.

Andrew Spitz

Wie bist du auf die Idee gekommen, das Projekt beim Prix Ars Electronica einzureichen?

Markus Schmeiduch: Nachdem ich ein großer Fan von Ars Electronica bin, hatte ich immer schon das Ziel, einmal ein Preisträger beim Prix Ars Electronica zu werden. Es war eigentlich keine große Überlegung bei der Einreichung dahinter, denn es war einfach der nächste logische Schritt für das Projekt. Vor allem das Förderprogramm der Kategorie [next idea] voestalpine Art and Technology Grant hat uns gereizt, denn, um das Projekt voranzutreiben, brauchen wir sowohl Aufmerksamkeit, als auch Leute, die uns ganz konkret unterstützen. Weil das Futurelab beide Aspekte verbindet, sind wir bei der Ars Electronica also genau richtig.

Ruben van der Vleuten

Was erwartest du dir von der Zusammenarbeit mit dem Ars Electronica Futurelab?

Markus Schmeiduch: Ich hatte bereits einen ersten Termin, um meine Residency im Futurelab zu besprechen. Das war schon sehr vielversprechend, weil die Personen, die vom Futurelab mitarbeiten werden, auch den richtigen Background für so ein Projekt mitbringen.

Wir hoffen jedenfalls, dass wir den nächsten großen und wichtigen Schritt mit BlindMaps machen können. Bislang haben wir das Konzept und einen ersten Prototypen. Hier wollen wir gemeinsam mit dem Futurelab einsteigen und zunächst wieder intensiv mit blinden und sehbehinderten Menschen zusammenarbeiten. Die dabei gewonnen Erkenntnisse können wir dann verwenden, um das Konzept weiter zu verbessern. Danach wollen wir in Richtung Technologie gehen und versuchen, verbesserte Prototypen zu erstellen, die wir dann idealerweise im Herbst beim Ars Electronica Festival präsentieren können. Ich denke, damit wäre wieder ein großer Schritt getan.

Und da sind wir dann, hoffe ich, an einem Punkt, an dem man bereits in Richtung Realisierung denken kann. Es ist sicher ein Projekt, das nicht von heute auf morgen umzusetzen ist. Einiges an Technologie, die wir benötigen, ist immer noch sehr experimentell. Unter anderem wäre Galileo, das EU-Pendant zum amerikanischen GPS, ein Navigationssystem, das für uns sehr interessant ist, weil es viel genauer arbeitet als GPS. Es hat eine Genauigkeit von 0,5 Meter, während GPS nur eine Genauigkeit von 4 Meter hat. Für BlindMaps spielt die Genauigkeit der Navigationsdaten natürlich eine sehr große Rolle, denn es macht einen Unterschied, ob eine Person am Gehsteig oder bereits auf der Straße steht.

Das heißt also, dass wir noch einige technische Hürden nehmen müssen. Aber es ist eben ein langfristiges Projekt.Wir arbeiten mit Creative Commons, einer frei verfügbaren Lizenz. Das heißt jeder kann unsere Entwicklungen nutzen, um damit an seinem eigenen Projekt weiterzuarbeiten. Es gibt eine Reihe anderer Projekte, die ein ähnliches Ziel haben wie wir und ich bin auch nicht böse, wenn jemand anderes sein Projekt noch vor uns umsetzt. Mir ist es einfach wichtig, dass blinden und sehbehinderten Menschen geholfen wird.

Gibt es noch weitere technische Herausforderungen bei diesem Projekt, die euch Schwierigkeiten bereiten?

Markus Schmeiduch: Es gibt sehr viele Herausforderungen bei diesem Projekt. Die Genauigkeit der Navigation ist sicher eine der wichtigsten und schwierigsten. Wenn Galileo jedoch hält was es verspricht und 2017 wirklich verfügbar sein wird, dann können und werden wir BlindMaps darauf aufsetzen.

Auch die Kartengenauigkeit ist wichtig. Hier setzen wir wahrscheinlich auf Open Streetmaps. Aber auch eine Kooperation mit Google oder Microsoft käme in Frage.

Eine weitere technologische Herausforderung ist der Blindenstock an sich. Hier ist die Frage, inwieweit wir die Feedbackmechanismen der Braillezeile so weit minimieren können, damit das im Blindenstock, inklusive Akku, verbaut werden kann. Von der Herausforderung her ist das ähnlich wie bei Mobiltelefonen gelagert, was heißt, dass wir relativ viel Technologie aus diesem Bereich verwenden können.

Ihr arbeitet eng mit blinden Personen zusammen. Testet ihr das Projekt trotzdem auch selbst?

Markus Schmeiduch: Bei einem Projekt wie BlindMaps ist es immer ganz entscheidend, dass sich nicht der Designer oder der Wissenschaftler Lösungen überlegt und dann versucht seine eigenen Ideen und seine eigenen Ansätze den Menschen aufzuzwingen.

Ich bin nicht blind und sehbehindert und dementsprechend kann ich nur versuchen ein Verständnis dafür aufzubauen. Es ist deshalb sehr wichtig, dass wir möglichst viel mit blinden und sehbehinderten Menschen zusammenarbeiten. Wir machen auch immer wieder Versuche, bei denen wir uns die Augen verbinden, um ein Gefühl fürs Blindsein zu bekommen. Man könnte das aber auch noch stärker betreiben, indem man sich beispielsweise einmal einen ganzen Tag lang die Augen verbindet.

Könntest du dir vorstellen das einen ganzen Tag zu versuchen?

Markus Schmeiduch: Ja, schon. Man bewältigt da vieles im Alltag sicher nicht alleine und braucht eine zweite Person, die einen begleitet, aber das wäre auf jeden Fall mal ein guter Versuch. Das wäre sicher auch eine gute Idee für das Projekt im Sommer.

Markus Schmeiduch wird von 28. Juli bis 12. September im Rahmen eines Artist-in-Residence-Programms gemeinsam mit dem Ars Electronica Futurelab das Projekt BlindMaps weiter vorantreiben. Wir werden hier im Ars Electronica Blog über die Fortschritte berichten. Außerdem wird das Projekt in CyberArts im Rahmen des Festival Ars Electronica präsentiert.