BitSoil: Meine Daten, eure Gewinne? Nein, danke!

Jeder Klick und jeder Post im Internet generiert Daten. Die Digital Economy setzt mit unserem Verhalten im Web Milliarden um und konzentriert diese Gewinne in den Händen einiger weniger. Eine völlig unbefriedigende Situation, meinen LarbitsSisters und initiierten die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign.

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Wer auf Twitter über „Apple“, „Cash“, „Data“ oder andere Begriffe schreibt, wurde vielleicht schon einmal von einem der Bots eingeladen, sich der BitSoil Popup Tax & Hack Campaign anzuschließen. Die Internet-Installation von LarbitsSisters, ausgezeichnet mit einer Goldenen Nica des Prix Ars Electronica 2018 in der Kategorie „Interactive Art+“, hat es sich zum Ziel gesetzt, Internet-NutzerInnen dazu zu bewegen, sich zusammenzutun und gemeinsam neues „BitSoil“ zu schaffen – indem ihre Aktivitäten im Web wiederum wertvolle Daten generieren.

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Warum haben Sie die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign eigentlich gestartet?

LarbitsSisters: Wir haben die Bitsoil Popup Tax & Hack Campaign ins Leben gerufen, um der anonymen Masse an InternetnutzerInnen ein wichtiges Instrument in die Hand zu geben, um das gegenwärtige Ungleichgewicht in der digitalen Wirtschaft zu überwinden. Sie können damit Anspruch auf den digitalen Reichtum erheben, den sie mit ihren Aktivitäten im Web produziert haben und der derzeit in den Händen großer Internetunternehmen liegt. Unsere Kampagne ermutigt die (Netz-)BürgerInnen, sich dem Widerstand anzuschließen und die Macht über die persönlichen Daten zurückzuerobern. Das Ziel ist es, gegenüber den Tech-Giganten einen gemeinsamen Anspruch auf einen fairen Anteil der Steuern auf die Nutzung der Daten zu erheben, die ihnen solch enorme Gewinne erbringen.

Unser bisheriger Arbeitsplatz befand sich gegenüber dem Maximiliaanpark in Brüssel, wo damals viele Flüchtlinge die Nacht verbrachten. Wir erfuhren dort von den Lebensumständen dieser Menschen und über den Umgang der EU mit der Migrationskrise. Diese Situation hat unser kritisches Engagement gestärkt, und das führte zu dem Projekt EU4you, das wir jetzt mit BitREPUBLIC und der BitSoil Popup Tax & Hack Campaign fortgesetzt haben.

Diese MigrantInnen befanden sich in einer äußerst prekären Lage außerhalb der bestehenden Sozialversicherungsstrukturen, die die Nationalstaaten ja nur einer Auswahl an Menschen bieten. Gleichzeitig sahen wir einen massiven Anstieg des digitalen Reichtums, der täglich von einer anonymen Masse im Internet produziert wird und sich somit konstant aber ungerechtfertigt in den Händen einiger großer Internetunternehmen konzentriert. Dieses Ungleichgewicht hat uns dazu veranlasst, ein alternatives Sozialversicherungsmodell zu konzipieren, das den ungleichmäßig verteilten digitalen Reichtum tatsächlich berücksichtigt. So entstand BitREPUBLIC, eine digitale Konstruktion, die die Grenzen der Nationalstaaten überschreitet und die Offline- und Online-Welten in einem digitalen Sozialsystem miteinander verbindet.

Credit: Larbitslab

Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem Projekt und an wen richtet sich die Kampagne?

LarbitsSisters: Ziel der Kampagne ist es, wie gesagt, ein umfassenderes Modell für die Datenwirtschaft vorzuschlagen und die Menschen auf neue Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Derzeit produziert ein sehr großer Teil der Weltbevölkerung Daten. Diese digitale Ressource, für die wir das Wort „BitSoil“ erfunden haben – Bits stehen dabei im Vergleich zu Öl, das einst das neue Schwarze Gold war -, wird von Technologieriesen gesammelt, die dann enorme Gewinne aus dem späteren Verkauf dieser Ressourcen an Werbeunternehmen und an andere Dritte erzielen.

„Der Wert dieser Daten übertrifft längst die kostenlosen Dienste, die diese Internet-Giganten im Gegenzug anbieten. Dies führt zu einer Ungleichheit, da der Mehrwert nicht mit den Produzenten dieser Daten, der anonymen Internetmasse, geteilt wird. Die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign dient der Sensibilisierung für bisher nicht durchdachte Fragen der Vermögensverteilung in der digitalen Wirtschaft.“

Die Kampagne richtet sich daher an die anonymen InternetnutzerInnen, an die 99%, die dabei aufgefordert werden, sich mit anderen in der gleichen Position zusammenzuschließen und einen kollektiven Steueranspruch gegen die großen Technologieunternehmen und Weltmarktführer zu schaffen, die sich bei digitalen Angelegenheiten tatsächlich in einer führenden Position befinden.

Was genau verstehen Sie unter der „Bitsoil-Hypothese“, die hinter diesem Projekt steht?

LarbitsSisters: Bitsoil ist das neue Schwarze Gold der digitalen Wirtschaft. Es besteht aus den Daten, die täglich von der anonymen Masse im Internet generiert werden. Der Wert dieser Daten ist enorm und bisher haben nur große Technologieunternehmen davon profitiert. Genau wie einst die wertvollen Ressourcen, die in den Minen gefunden wurden, ist BitSoil die Grundlage der heutigen digitalen Wirtschaft.

Eine Google-Suche, ein Posting oder ähnliches auf Facebook oder Twitter sind Aktivitäten, die Daten und Werte generieren. Kann dieses digitale Kapital zurückgewonnen und wieder in die Hände derjenigen gebracht werden, die es produziert haben? Können wir die BitSoil-Währung einsetzen, um ein ausgewogeneres Umverteilungssystem zu erreichen? Können wir die digitale Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht bringen, in der sich der Wohlstand derzeit in den Händen einiger großer Unternehmen konzentriert?

Die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign schlägt vor, auf jede Handlung von InternetnutzerInnen eine Mikrosteuer einzuheben. Die Datenserver des Projekts verfolgen die digitalen Spuren der TeilnehmerInnen auf der Plattform der Kampagne und ordnen ihnen einen Wert zu. Die Steuer, die dann vom Rechenzentrum berechnet und gesammelt wird, ist die Grundlage für die BitSoil-Währung, die in der BitREPUBLIC (unter den TeilnehmerInnen) neu verteilt wird. Dadurch entsteht ein kollektives digitales Sozialversicherungssystem.

Credit: Larbitslab

Warum soll genau die Bitsoil-Steuer eine Steuer für alle sein?

LarbitsSisters: BitREPUBLIC und die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign sind Konzepte für alternative Steuer- und Umverteilungssysteme innerhalb einer umfassenden digitalen Wirtschaft, die über die Grenzen der bestehenden nationalstaatlichen Strukturen hinausgeht, und Menschen mit bestimmten Profilen, insbesondere Flüchtlinge und MigrantInnen, ausklammert.

BitSoil wird auf Basis von Handlungen generiert, die von NutzerInnen auf Social Media Plattformen wie Twitter durchgeführt werden. Dieser Wert wird anschließend über einen neuen Steuermechanismus auf alle, die zusammen die BitREPUBLIC bilden, verteilt, unabhängig von ihren persönlichen Merkmalen wie Geschlecht, Herkunft, Bildungsniveau usw.

Die Kampagne ermöglicht es denjenigen, die mitmachen, ihren fairen Anteil zu beanspruchen und Internetunternehmen, Weltführer und PolitikerInnen für das Ungleichgewicht in der digitalen Wirtschaft verantwortlich zu machen. Indem sie Freunde und Bekannte darauf aufmerksam macht, kommt die Kampagne in Schwung. Der Wert auf BitSoil gehört den ProduzentInnen der Daten.

Sie verwenden Technologien wie Blockchain, Virtual Private Networks, Bots und Natural Language Classifier von IBM. Wo und wie werden sie eingesetzt?

LarbitsSisters: Im Gegensatz zu einem Virtual Private Network sind die Tweets der Bots über Tor viel stärker geschützt. Tor ist im Grunde nichts anderes als ein „Zwiebel-Netzwerk“. Dieses Netzwerk ist nicht nur ein VPN, sondern es besteht aus einer weltweiten Reihe von Knoten und Maschinen, auf denen Tor läuft und durch die der Datenverkehr im Internet geleitet wird, während die eigene IP-Adresse und damit der eigene Standort verdeckt bleiben. Das macht Tor so sicher. Niemand kennt den vollständigen Weg, über den sich die Tweets bewegen. Alle Knoten zwischen den Routen bleiben verborgen, sodass die oder der EmpfängerIn keine Ahnung hat, wer gerade twittert. Tor ist also hervorragend geeignet, um die Privatsphäre zu schützen und die vollständige Anonymität der TeilnehmerInnen zu gewährleisten. Es gibt keine Möglichkeit, sie aufzuspüren und auch nicht die Bots, die für sie twittern.

Credit: Lumin

Die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign ist im Wesentlichen eine von Social-Media-Bots geführte Kampagne. Es ist eine Kampagne auf Twitter und für die Kampagne wurden grundsätzlich zwei Arten von Bots entworfen, Prospector- und Propaganda-Bots sowie Tax-Collector-Bots. Die Rolle der Prospector- und Propaganda-Bots besteht darin, endlos durch Twitter zu streunen, um die NutzerInnen auf einer Reihe von vordefinierten Datensätzen von Schlüsselwörtern zu erkennen und Twitter-NutzerInnen zur Teilnahme an der Kampagne zu bewegen. Hier setzt die Technologie von IBM an. Dieses AI-Watson-Natural-Language-Classifier-Service ist in der Regel ein Cloud-basierter KI-Dienst. Diese Technologie und die Rechenleistung von Watson waren für das Projekt besonders hilfreich. Der Dienst wendet kognitive Computertechniken an, um Muster in kurzen Texteingaben wie Tweets zu klassifizieren und zu erkennen und entsprechende Tweets mit einem Vertrauenswert zurückzugeben. Dies half uns, Bots zu trainieren, um Tweets zu erkennen, die für die Kampagne relevant sind.

Die Tax-Collector-Bots sind anders als die Prospector- und Propaganda-Bots. Sie arbeiten in die andere Richtung. Genau wie der Finanzbeamte, der die Person ist, die unbezahlte Steuern von anderen Menschen oder Unternehmen eintreibt, sind Tax-Collector-Bots dafür entworfen worden, um Netzriesen, PolitikerInnen und WeltführerInnen mit Postkarten zu beschicken und über diesen Wegen Steueransprüche mitzuteilen. Die Tax-Collector-Bots sind mit einem kleinen Skript ausgestattet, das jede Aktion der Bots zählt und in BitSoil umwandelt. Jeder kann auf der Plattform der Kampagne seinen eigenen Tax-Collector-Bot oder sogar eine Reihe von Tax-Collector-Bots entwerfen. Die so erzeugten BitSoils werden dann auf die „Geldbörsen“ verteilt, die jeweils eine/n BürgerIn der BitREPUBLIC repräsentieren.

In diesem Projekt greift die Blockchain – die Technologie hinter der Bitcoin – auf einer konzeptionellen Ebene ein, um die Möglichkeit einer neuen Vermögensumverteilung zu prüfen. Wir haben die Technologie auf kritische und strategische Weise erforscht, um die traditionellen Strukturen der Nationalstaaten zu überwinden, und versucht, einen Mechanismus einzuführen, der in gewissem Maße grundlegende Menschenrechte, wie das Recht auf Arbeit und Freizügigkeit, für diejenigen, die sich in benachteiligten Positionen befinden, anwendet.

Credit: Larbitslab

Ihr Projekt bewegt sich zwischen der Online- und Offline-Welt, zwischen öffentlichen und privaten Bereichen. Was könnten die Verbindungen zwischen diesen Welten und Feldern sein?

LarbitsSisters: Mit der BitSoil Popup Tax & Hack Campaign fließen Online- und Offline-Welten ineinander und schaffen die BitREPUBLIC, eine Umgebung, in der BitSoil über alle BürgerInnen verteilt wird. Die Offline-Installation besteht aus einer Reihe von Blockmodulen, die als Rechenzentrum fungieren, Daten verarbeiten und BitSoils verteilen, und ist mit winzigen Thermobondruckern ausgestattet, die die kontinuierliche Wertbildung durch das Drucken von Tickets mit der aktuellen Menge an BitSoils anzeigt.

Die gesamten Online-Aktivitäten der Bots während der Kampagne und auf ihrer Plattform wird offline in die physische BitSoil-Währung umgewandelt, sodass der immense Wert der Daten für die Öffentlichkeit spürbar wird. Durch die Verknüpfung von Digitalem und Physischem können sich die BesucherInnen die Auswirkungen der aktuellen Datenökonomie und mögliche Alternativen tatsächlich vorstellen. Man denke nur daran, dass eine Person, vielleicht ein Flüchtling, ein BitSoil-Ticket von dem Drucker abholt und zu einem lokalen Geschäft geht, um dafür das Essen für den Tag zu besorgen.

Die Online-Plattform überschreitet nationale Grenzen und ist ständig erreichbar. Die Offline-Installation bitsoil.tax bettet diese digitale Struktur in das lokale Leben und Handeln ein. Organisationen und Institutionen können die Arbeit einbinden und so das Online-Projekt mit ihrem jeweiligen lokalen Umfeld verknüpfen, indem sie es sichtbar machen und die Öffentlichkeit zur Teilnahme einladen.

Hinweis: Die Installation „BitSoil Popup Tax & Hack Campaign“ wird Teil der CyberArts-Ausstellung im OK im OÖ Kulturquartier sein, die zeitgleich mit dem Ars Electronica Festival 2018 am 6. September 2018 eröffnet wird!

Seit 2010 bilden die Social-Media-Forscherin Bénédicte Jacobs und die Medienkünstlerin Laure-Anne Jacobs das Künstlerduo LarbitsSisters. Die Arbeiten des in Brüssel ansässigen Duos liegen am Schnittpunkt von Kunst, Technologie und sozialen Systemen. Ihre Zusammenarbeit entstand aus einer gemeinsamen Faszination für neue Medien, die ihre Forschung und ihr künstlerisches Schaffen zu Projekten zusammenführte, in denen Konzepte wie Rückverfolgbarkeit, Datenverarbeitung, Netzwerkanalyse, Algorithmen, Automatisierung und Interaktivität erforscht und diskutiert werden. Ihr Arbeitsprozess konzentriert sich auf die kreativen Antriebe und Muster in digitalen Medien.