Der Ars Electronica Salon am Matsudo International Science Art Festival

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Eine grüne Oase mitten in der Großstadt, ein Ort der Ruhe, wo japanische Tradition sichtbar wird und altehrwürdige Häuser neben den Betonbauten und Hochhäusern der Jetztzeit stehen – und von 16. bis 17. November 2019 eben auch ein Ort der Kunst, Wissenschaft und neuen Medien: Das ist der Tojogaoka Historical Park in Matsudo, Japan. Dort findet zwei Tage lang das Matsudo International Science Art Festival statt, und das Ars Electronica Futurelab ist mit dem eigens kuratierten Ars Electronica Salon Teil davon. Zum Thema „Future Citizen“ werden nicht nur Werke der japanischen Künstlerin Etsuko Ichihara gezeigt, sondern auch drei eigene Arbeiten ausgestellt – Nicolas Naveau, Projektleiter am Ars Electronica Futurelab, hat im Interview mehr verraten.

Nico, kannst du uns zuallererst einmal darüber aufklären, in welchem Kontext der Ars Electronica Salon in Matsudo überhaupt stattfindet?

Nicolas Naveau: Wir gestalten den sogenannten Ars Electronica Salon für die zweite Ausgabe des International Science Art Festivals in Matsudo, Japan. Es findet im Tojogaoka Historical Park statt, einer riesigen Parkanlage, in deren Mitte ein paar traditionelle japanische Häuser stehen. Sie sind unter Denkmalschutz und machen einen Teil des kulturellen Erbes Japans aus. Wir stellen in zwei Bereichen aus, einerseits im Haupthaus mit einer von uns kuratierten Schau der Künstlerin Etsuko Ichihara, und im kleinen Teehaus nebenan, wo wir drei Installationen aus Eigenproduktion zeigen. Mit unserem Programm sind wir ein Teil des gesamten Festivals, das von 16. bis 17. November 2019 dort stattfindet und sich unterschiedlichen Perspektiven von Kunst und Wissenschaft widmet. Besonders spannend finde ich dabei auch die Spannung zwischen diesem sehr historischen Gebäude und dem zeitgenössischen Ansatz Medienkunst.

Credit: Hajime Kato

Bleiben wir zuerst beim Haupthaus und den Werken von Etsuko Ichihara – was wird hier gezeigt?

Nicolas Naveau: Es sind zwei Werke, die hier ausgestellt werden: Das Digital Shaman Project und das Virtual Currency Offering Festival. Etsuko ist eine Künstlerin, mit der wir bei Ars Electronica schon ein paar Mal gearbeitet haben, 2018 wurde sie für das Digital Shaman Project sogar mit einer Honorary Mention beim Prix Ars Electronica ausgezeichnet. Sie setzt sich darin mit alten japanischen Verabschiedungsritualen auseinander: Im Buddhismus glaubt man daran, dass sich die Seele einer verstorbenen Person noch 49 Tage lang auf der Erde aufhält. Etsuko übersetzt diese Vorstellung ins moderne Zeitalter und überspielt die Persönlichkeit einer verstorbenen Person auf ein Programm, dass für 49 Tage lang auf einem kleinen Roboter läuft. Im zweiten Projekt, dem Virtual Currency Offering Festival, werden traditionelle Opfergaben an Tempel und Schreine mit Bitcoin getätigt und somit ebenfalls lang existierende Verhaltensmuster an die aktuelle Zeit angepasst.

Credit: Tom Mesic

Welche Installationen des Ars Electronica Futurelabs erwarten uns hingegen im Teehaus?

Nicolas Naveau: Wir stellen unter dem Thema Future Citizen drei Werke aus, das erste heißt Questioning News und behandelt kritischen Medienkonsum. Auf einem vertikalen Display sieht man ein sehr poetisch gestaltetes Partikelsystem, das alle zwei Minuten japanische Nachrichten aus dem Internet abruft und darstellt. Das Wichtige hier ist, dass hinter jede Schlagzeile ein Fragezeichen gesetzt wird. Das verändert die Wahrnehmung von Nachrichten komplett – es macht einen großen Unterschied, ob man liest „Trump verneint den Klimawandel“ oder „Trump verneint den Klimawandel?“! Als kritische Future Citizens ist diese Art des Medienkonsums, des Hinterfragens, essentiell. Was können wir vertrauen, und was ist Vertrauen, was sind Fakten überhaupt im 21. Jahrhundert?

Credit: Hajime Kato

Diese sehr ruhige und ansprechende Darstellung der Schlagzeilen ist fast meditativ….

Nicolas Naveau: Genau, und das ist auch so gewollt. Wir orientieren uns dabei auch an unserer Umgebung und dem Kontext in diesem alten Gebäude in Matsudo. Das ist auch schon eine gute Überleitung zu unserer zweiten Installation, sie heißt Listen to Nature. Wir spielen hier ein bisschen mit Ritualen, wie auch Etsuko Ichihara im Nebenhaus – bei uns geht es ganz einfach darum, einen Denkraum zu schaffen. Dazu kann man in einem Raum des Teehauses Kopfhörer aufsetzen und Geräuschen aus dem Garten rundherum lauschen, die live übertragen werden, untermalt mit einer elektronischen Soundscape. Gleichzeitig bekommt man von einer Aufsichtsperson, dem oder der Master of Ceremony, wie wir sie nennen, eine Auswahl von Fragen präsentiert. Diese Fragen sind Creative Questions, die von unserem Think- und Do-Tank, dem Future Innovators Summit, stammen und wichtige Themen des digitalen Zeitalters behandeln. Die Idee hinter dieser Installation ist, dass man sich fokussiert, auf eine Frage und auf ein Geräusch. Der Raum soll so leer wie möglich sein, man sitzt auf einem japanischen Sitzkissen und kann sich voll und ganz auf das Denken konzentrieren. Man hört, was ein paar Meter nebenan passiert, aber auf so fokussierte Art und Weise, wie es sonst fast nicht möglich ist. Das ist so, wie wenn man mit Kopfhörern auf der Straße spazieren geht – man hat plötzlich Kino vor Augen, man ist in einer anderen Welt. Das ist sehr meditativ. Dazu kommt noch, dass man also selbst sitzt und denkt, und gleichzeitig andere Besucher und Besucherinnen vorbekommen und einem sozusagen beim Denken zusehen. Das passiert auch nicht alle Tage.

Ist das nicht eine merkwürdige Entfremdung von der Natur? Dass die Auseinandersetzung mit der Natur als Future Citizen nur mit dem Hilfsmittel der Technologie, also hier der Kopfhörer, funktioniert?

Nicolas Naveau: Es ist ein bisschen so wie die Zuhilfenahme eines Fernglases, oder einer Kamera mit Makro-Objektiv, oder auch einer Lupe. Ohne diese Dinge sieht man bestimmte Details nicht, genauso ist es auch mit den Kopfhörern. Es gibt zum Beispiel im Garten ein Bambusrohr, dass sich mit Wasser füllt und alle 30 Sekunden kippt. Das macht ein sehr bestimmtes Geräusch, das normalerweise leicht unter den anderen Geräuschen des Gartens und der Stadt untergeht. Hier nimmt man das Geräusch isoliert war. Die Technik hilft in diesem Fall dabei, die äußeren Reize abzuschalten und den Fokus auf eine einzelne Quelle zu reduzieren.

Credit: rubra

Die dritte Arbeit hingegen ruft eher zur Aktion auf…

Nicolas Naveau: Richtig. Während Questioning News ein kritisches Hinterfragen ist und Listen to Nature das Loslassen und Fokussieren behandelt, geht es bei der dritten Arbeit darum, selbst aktiv zu werden. Wir bieten einen Switch-Workshop an – ein Switch ist ein Edutainment-Bausatz, der im Ars Electronica Futurelab entwickelt wurde und bei dem man manuell zwischen zwei Bildern wechseln kann. Wir gestalten den Workshop in Matsudo für Kinder und Jugendliche, es soll um eine junge Perspektive auf die Stadt der Zukunft und den Future Citizen in Matsudo gehen. Auf der einen Seite des Bausatzes soll es um eine Fragestellung, eine Problem oder einen Denkanstoß gehen, während die andere Seite dann einen Handlungsvorschlag bietet. Etwas, was man in die Richtung der Fragestellung ändern könnte oder wie man zu einer Lösung eines Problems beitragen kann. Die Switches werden anschließend ausgestellt – so soll eine Schnittstelle zwischen der Stadt, den Gestaltenden und den Besuchenden entstehen.

Nicolas Naveau studierte ab 1994 Kunst an der Fine Art School im französischen Angers. In den Jahren 1997 bis 2002 arbeitete er als Kursleiter für französische Kultur (Kunstgeschichte, Comics, Kino) am Zenter für Erwachsenenbildung in Wien. Aufgrund seiner Interessen und  Fähigkeiten in den Bereichen Kunst, Grafik- und Informationsdesign, wurde er im Jahr 2002 ein freier Mitarbeiter der Ars Electronica. Seit 2006 arbeitet Nicholas Naveau als Künstler und Senior Researcher im Bereich Informationsdesign am Ars Electronica Futurelab.

Das Matsudo International Science Art Festival findet von 16. bis 17. November in Matsudo, Japan, statt. Hier geht’s zur offiziellen Webseite.

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