Daten in Dur und Moll

Kann künstliche Intelligenz kreativ sein? Als Key Researcher und Artist zum Thema Creative Intelligence am Ars Electronica Futurelab befasst sich Ali Nikrang seit vielen Jahren mit dieser Frage. Den Algorithmus hat er im Blut, er ist Experte für KI und Musik.

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Seine Forschung reflektiert die kreative Interaktion zwischen Menschen und künstlich intelligenten Systemen. Sie untersucht das kreative Potenzial von Algorithmen und die Möglichkeiten zur Interaktion, Sublimierung und Personalisierung in der konstruktiven Zusammenarbeit mit dem*r menschlichen Benutzer*in. Auch heuer wieder war Ali Nikrang mit zahlreichen Beiträgen am AIxMusic Festival im Rahmen des Ars Electronica Festival 2020 beteiligt. Mit seinen Projekten thematisiert er den kontrovers diskutierten Hype rund um künstliche Intelligenz, Kreativität und Musik:

„Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Musik, dass eine Technologie dabei hilft, unsere kreativen Möglichkeiten zu erweitern. Das Klavier selbst war eine Erfindung des 18. Jahrhunderts und auch die erste Flöte brachte eine Innovation des Musizierens mit sich. Denn: Vor ihrer Zeit war der Gesang die einzige Möglichkeit, Musik zu produzieren.” – Ali Nikrang, Key Researcher & Artist im Ars Electronica Futurelab

Weil sich das im Vorjahr zum ersten Mal stattgefundene AIxMusic-Festival als großer Erfolg erwies, veranstaltete Ars Electronica im Rahmen der STARTS-Initiative in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission heuer die zweite Edition. In diesem Jahr konzentrierte sich das AIxMusic-Festival auf einen tiefen Einblick in die neuesten Forschungsergebnisse und künstlerischen Praktiken, die in Verbindung mit künstlicher Intelligenz entwickelt wurden und legt besonderes Augenmerk auf deren Potenzial, die vernetzte Zusammenarbeit zwischen Musiker*innen aus der Ferne zu erleichtern.

Zurück zu Ali Nikrang und seinen Projekten: Mahler Unfinished 2019 war nur eines seiner vielen Experimente mit KI und Musik und eine echte Herausforderung für die Komposition-KI MuseNet. Bereits 2020 präsentierte Ali Nikrang sein eigenes KI-System Ricercar, das trainiert durch 25.000 Musikstücke dazu in der Lage ist Musik zu komponieren, die kaum von menschlichen Kompositionen zu unterscheiden ist.

How Machines See Music

Ali Nikrang’s Installation How Machines See Music im LIT Open Innovation Center verdeutlichte im Rahmen des AIxMusic Festivals die Funktionsweise des „Deep Neural Network“ Ricercar, indem es die Aktivierung der Neuronen auf ein bestehendes Musikstück visualisierte. Das Ergebnis war eine neuartige Form der visuellen Darstellung von Musik, die übergeordnete Strukturen eines Werkes anschaulich zum Ausdruck bringt.

Somnium

Unter dem Titel Somnium ließ das Künstlerteam bestehend aus Ali Nikrang (AT), Martin Honzik (AT) und Alexander Wöran (AT) unter Anwendung der KI Ricercar die inspirierende Umgebung am TNF-Turm der Johannes Kepler Universität in Linz beobachten, während sie die Europahymne von Beethoven, die Internationale, die Nationalhymne der Republik Österreich sowie die Hymne von Oberösterreich “interpretierte” und den Moment damit in eine bittersüße Reflexion über die aktuelle Situation der Demokratie und den Zustand unseres Planeten im Allgemeinen verwandelte.

Ali Nikrang
Credit: vog.photo

The Big AI-Jam – AI meets musical diversity

Mit The Big AI-Jam – AI meets musical diversity bildete ein weiteres AI&Music Projekt von Ali Nikrang auch den Abschluss der Großen Konzertnacht 2020. Neun Musiker*innen aus dem umfangreichen internationalen Netzwerk der Festivalpartner*innen waren dazu eingeladen, ihre individuelle musikalische Antwort, Interpretation oder Improvisation zu den KI-Kompositionen Ricercar’s zu gestalten und ihren musikalischen Beitrag live zu performen.

Running Off the Senses

Das seltsame Gefühl, emotional durch natürlich und emotional klingende, aber KI-generierte Musik manipuliert zu werden, thematisierte Running Off the Senses, eine Aufführung mit Yishu Jiang (Violoncello), Daniela Mülleder (Violine) und Ali Nikrang (Klavier), die sich auf den Kontrapunkt zwischen KI-generierter und menschlich komponierter Musik konzentrierte.

Talks und Diskussionen

Auch in zahlreichen Talks und Diskussionen rund um das Thema AI&Music trug Ali Nikrang mit seinem Wissen und seiner Erfahrung bei. Zusammen mit The Grid (US/EU), Christine Payne (OpenAI, US), Lamtharn (Hanoi) Hantrakul (GoogleAI, US) und Clara Blume (AT/US, OpenAustria) stellte er sich im Panel Artificial Creativity or Enhanced Humanity, einem S+T+ARTS-Flagship-Event, organisiert durch die Ars Electronica und die Europäische Kommission, Fragen wie „Kann künstliche Intelligenz kreativ sein?”, während er unter dem provokativen Titel Artificial Stupidity zusammen mit Moisés Horta Valenzuela (MX/US), Artemi-Maria Gioti (GR) und Alex Braga (IT) moderiert durch die in Berlin lebende Künstlerin Portrait XO (US) den disputablen Medienhype rund um künstliche Intelligenz in der Musik diskutierte.

Das Fazit?

„Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten” – Gustav Mahler

Worum es in der Musik also wirklich geht, sind die Klänge zwischen den Noten. Die Zukunft von KI-basierter Musikkomposition kann daher nur in der Kollaboration mit dem Menschen entstehen, denn es gibt keine Kunst ohne die menschliche Intention. Kunst entsteht ausschließlich durch Absicht und aktive Partizipation.
Jedes künstlich intelligente System für Musikkomposition entwickelt eine eigene auf statistischen Mustern basierte Sichtweise auf die Daten, indem es systematisch lernt, Musik zu komponieren. Doch unter der Verwendung innovativer Systeme wie künstlich kreativen Technologien kann und wird auch die Kunst veränderte Perspektiven entwickeln und sie dazu benutzen, etwas völlig Neues zu kreieren.

Das klingt richtig interessant? Erfahren Sie mehr über Ali Nikrang und seinen Zugang zu Rhythmen und Algorithmen am Ars Electronica Blog und über das musische Potential künstlicher Intelligenz auf der Website des Ars Electronica Futurelab.